Heute habe ich mir überlegt, die Fortsetzung von der Szene zu veröffentlichen. Hier gelangt ihr zum ersten Teil.
(Was bisher geschah: Margarete taucht erstmalig auf und ihre Nachmittagsbeschäftigung wird kurz angerissen, bis der Nachbarsjunge klingelt und ihren schwarzen Spitz Hermann zu einem Spaziergang abholt.)
Kapitel 2. (Teil 2)
Obwohl sie sich wirklich müde
fühlte, merkte sie, dass sie die Begegnung mit Kenan aufgewühlt hatte. Wie
konnte man in so jungen Jahren schon so versagen? Sie kannte ihn, seitdem er
mit seinen Eltern kurz nach ihr, vor vierzehn Jahren, in die Wohnung über ihrer
eingezogen ist. Über kurze Treppenbegegnungen war sie mit ihnen ins Gespräch
gekommen.
Herr und Frau Dahleb waren aus ihrem Heimatland Algerien erst nach
Frankreich immigriert und als in Frankreich die Migrationspolitik verschärft
worden war, zogen sie weiter nach Deutschland, in der Hoffnung ihrem damals 7
Jährigen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Da Kenans Eltern sehr
umgängliche Leute waren, verstand Margarete einfach nicht, warum der Junge
immer etwas isoliert blieb und nichts auf die Reihe bekam. Vor ein paar Jahren
dann hatte Kenan begonnen für einen kleinen Lohn ihren Hund auszuführen und für
sie einzukaufen. Und seit dem herrschte in seinem Leben scheinbar Stillstand.
Margarete schüttelte nachdenklich und langsam ihren Kopf im Takt der riesigen
Standuhr. In Gedanken versunken verharrte sie so eine ganze Weile und musste
wohl eingeschlafen sein, denn sie schreckte plötzlich hoch, als sie die
Schlüssel in der Tür hörte. „Hermann!“, dachte sie und erinnerte sich, dass es
nur Kenan mit ihrem Hund war und stellte sich sofort wieder schlafend, damit
sie sich nicht mit ihm auseinander setzen musste.
Sie lauschte seinen Schritten im
Flur, hörte es in der Küche rascheln, als der die Einkaufstüte abstellte und ihn
mit Hermann flüsternd wieder in den Flur gehen. Leise wurde die Klinke von der
Wohnzimmertür herunter gedrückt. Hermanns Pfoten tapsten dumpf über den
Teppich, als er sich der augenscheinlich schlafenden Margarete näherte. Sie
spürte Kenans Blick auf ihren Augen ruhen. Ganz vorsichtig öffnete sie einen
winzigen Spalt ihres einen Auges und sah durch den Wimpernkranz hindurch den
Jungen ratlos an der Tür stehen. Nachdem sie keine Anstalten machte, so ganz
zufällig aus ihrem Nickerchen zu erwachen, entfernte sich Kenan wieder und zog
die Tür heran. Einen kleinen Spalt ließ er die Tür offen stehen, damit Hermann,
wenn er das Zimmer verlassen wollte, wieder heraus kam. Wenige Augenblicke
später fiel die Wohnungstür sanft ins Schloss und die hastigen Schritte auf der
Treppe waren bis ins Wohnzimmer zu hören. Margarete öffnete ihre Augen komplett
und sah, wie Hermann, mit dem Schwanz wackelnd, artig vor ihrer Schlafstätte
wartete.
-„Na, warst du brav bei Kenan?
Hast du fein gehört? Jaaa, na komm, ich mache dir was Feines.“
Abwesend fuhr sie durch das
flauschige Fell, stand auf und ging, dicht gefolgt von Hermann, in die Küche.
Der letzte güldene Sonnenstrahl des Spätherbstes hing noch in der Küche fest.
Tausendmal gespiegelt, von den Töpfen auf dem Regal, dem Glasschirm der
Deckenlampe, dem Porzellan auf der Anrichte und den herunter hängenden,
silbernen Küchenutensilien tauchte er die Küche in ein unwirkliches,
phantastisches Licht. Einen Augenblick lang verharrte Margarete in ihrer
Bewegung, als würdige sie gebührend die Stille und Atmosphäre der Küche.
Mit
einem entschlossenen Klick des Lichtschalters war dieser Moment zerbrochen und
nur noch die randvolle Einkaufstüte auf dem Holzstuhl lud zum Träumen ein.
Nachdem sie sich und Hermann ein Leberwurstbrot geschmiert hatte, das sie
gleichzeitig aßen- Hermann wild und hastig, Margarete elegant und andächtig-
gingen sie gemeinsam wieder ins Wohnzimmer.
Margarete blieb mitten im Raum
stehen und verschaffte sich einen Überblick, um sich zu erinnern, wo das stand,
was sie gerade suchte. Rechts die zwei großen Fenster, die Lesebank davor, das
kleine Tischchen daneben. An der Wand daneben ihr riesiges Leseregal, in der
rechten hinteren Ecke die Chaiselounge und zwei kleine Hocker, hinter ihr das
uralte Klavier und daneben in der Ecke eine große Kommode, auf der ein
Grammophon stand. An den Wänden hingen zahlreiche kleine chinesische
Handzeichnungen, darunter einige Aquarelle, deren blasse Pastellfarben
hauchfeine Konturen andeuteten.
Sie drehte sich um und ging zu der klobigen
Kommode, um zuerst das kleine Lämpchen anzuschalten und dann die rechte Tür der
Kommode zu öffnen. Auf allen vieren kramte sie dann im untersten Fach der
Kommode herum, Glas klirrte. Langsam balancierte sie aus dem vollen Fach eine
Flasche Wein und goss sich einen großen Schluck des rubinrot, aromatischen
Gemischs in das filigrane Gläschen, das auf dem Klavier schon bereit stand.
Dann suchte sie sich eine Schallplatte aus dem kleinen Stapel neben dem Klavier
heraus. Edith Piaf.
Sobald das Grammophon die ersten Töne verlauten ließ,
rollte sich Hermann unter der Lesebank zusammen, als würde er wissen, dass ein
tränenreicher und emotional geladener Abend bevor stand. Einige Minuten saß
Margarete schweigend auf dem Klavierhocker und hörte aufmerksam der Stimme zu,
bis sie schließlich, nach einer zögerlichen Stimmprobe, begann, mitzusingen.
Erst ganz zaghaft, dann immer lauter und kräftiger füllte ihre Stimme den Raum. Als sich
schließlich „Non, je ne regrette rien“
dem Ende neigte und damit die Platte gewendet werden musste, seufzte sie laut
und wendete diese. Ein weiteres Glas Rotwein wurde eingegossen und der Platz,
zum Chaiselongue hin, gewechselt. Als sie feststellte, dass die chinesischen
Aquarelle ihr keinen verborgenen Details mehr liefern konnten, rief sie Hermann
zu sich.
Oh, ich weiß nicht ob mein Kommentar nun abgeschickt wurde oder nicht. Ich schreibe es dir vorsichtshalber noch einmal.
AntwortenLöschenIch finde es wirklich wundervoll geschrieben. Die Stimmung ist wirklich sehr schön. Irgendwie ein bisschen traurig. Aber schön. Deine Worte beschreiben das alles so gut, dass ich mir während dem Lesen richtig vorstellen kann, mit Margarete im Wohnzimmer zu sitzen und sie zu beobachten. Wirklich sehr, sehr schön. Und ich kann es kaum erwarten weiter zu lesen. Ich hoffe du lässt uns weiter teilhaben :)
Schöne Woche wünsch ich dir :*
Oh, vielen vielen Dank für den lieben Kommentar =) Deine Worte haben meinen Tag versüßt.
LöschenZu Beginn des letztens Absatzes: "Es ganz zaghaft, dann immer lauter und kräftiger füllte ihre Stimme den Raum." Muss es nicht "Erst ganz zaghaft, dann ..."?
AntwortenLöschenOh ja, stimmt. Danke ist mir nicht aufgefallen.
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