Der Tropfen
Ein Hauch, unser Wort,
Ein Lächeln, unser Ort,
Das innerste Verstehen war
groß,
Gemeinsam lagen wir im Moos,
Bitte geh nicht fort.
Ein Regentropfen aus den
riesigen Eiskristallwolken ist zerbrechlich. Der Fall ist sein Ziel, seine
Perfektion. Doch während er sein Ziel erreicht, ist sein Fall zu Boden
unaufhaltsam. Nur ein Windstoß, ein Blatt, oder doch ein Stein auf dem Asphalt
genügt, um ihn zu zerstören, um ihn seines Sinnes und seiner Träume zu berauben
und ihn in wenigen Minuten ins Nichts übergehen zu lassen. Wir versuchten den Tropfen
lange existieren zu lassen, wir haben ihn aus unbeschreiblichen Höhen
losgelassen und mit ihm den berauschenden Fall euphorisch genossen. Doch genau
das war unser Fehler. Wäre es besser gewesen, den Tropfen nie Tropfen werden zu
lassen?
Meine Probleme,
Deine Träne,
Vielerlei Wege,
durch Denken verbunden,
durch Sprache zerschunden.
Nach diesem besonderen
Tropfen, nach seiner Existenz, folgte ein Gewitter, nicht stark und auch keine
größeren Schäden sichtbar, dennoch ging einiges zu Bruch. Gewittern sagt man
nach, dass sie den Schmutz der Jahrhunderte mit sich nehmen und alles
bereinigen. Doch ein Gewitter lässt nichts wie vorher, es verändert seine
Umwelt. Der Tropfen konnte nicht nochmals da sein. Wir versuchten ihn
wieder zu beleben, seinen Tod nicht anzuerkennen, doch alles was wir tun ist eine
Rückerinnerung und die Verleugnung der Wahrheit. Sollte man nicht in der
Gegenwart leben?
Ein Hauch, ein Wort,
Ein Lächeln, ein Ort,
versuchen wir zu sein,
keinem fällt mehr ein,
Was anders war.
Der Himmel ist wieder blau.
Der Sonnen Schein, die Welt verklärt. Vertrauen ist da und die üblichen
physikalischen Grundlagen geklärt und geschaffen, um nochmals einen Tropfen aus
den Eiskristallwolken zu erzeugen, doch nichts passiert. Vielleicht liegt es
daran, dass die Eiskristallwolken sich durch uns beleidigt fühlten, vielleicht,
weil wir diesmal das Ende des Tropfens kennen, vielleicht, weil ein Tropfen nur
in einmaliger Perfektion sich zu formen in Stande ist. Zu bereuen wird es nie
was geben, außer der Fehler, die Unausgesprochen blieben und die Zeit, die uns
zu dem macht, was wir sind. Wir wollen uns lieben und so sein wie früher, doch
du spürst den Unterschied auch, der uns zu Sklaven der Vergangenheit macht. Ein
verbrannter Tropfen scheut die Sonne, vielleicht wird er deshalb nie wieder
existieren. Doch was, wenn ich das nicht will?
Neue Punkte, Neue Liebe,
Neues Glück, Neue Kriege?
Was wird neu,
nachdem, was zerbrach,
was ist schon danach?
Der Himmel bekommt auch manchmal andere Wolken, aber keine, die Eiskristallwolken jemals sein könnten oder gar dürften. Vielleicht wollte ich alles so sehen, vielleicht wollte ich alles vernichtend haben, um das zu schreiben, was über diesen Zeilen jetzt steht. Doch schon längst war ein Tropfen unterwegs, kein neuer, immer noch der Alte, der sich, nach seiner kurzzeitigen Zerstörung, neu geformt hat, die Moleküle fanden sich wie zwei Magnete und trafen mit so leisem Aufprall wieder aufeinander, dass ich es nicht hören konnte. So zerbrechlich er auch ist, der Tropfen, kann ich mir sicher sein, dass er allem trotzt. Die Entfernung ist groß. Eigentlich sind es sogar zwei Tropfen, wenn man genau sein will, einer von dir an mich und einer von mir an dich, die wir fallen ließen und durch die Entfernung scheint es schwerer, ihren Fall zu beobachten, sie vor möglichen Zerstörungsquellen zu schützen, doch ich bin fest davon überzeugt, dass ihnen nichts passieren wird, darf, es sind schließlich unsere kleinen Seelen darin, die wir für den anderen zu Boden fallen ließen, damit sie sich im Fall vereinigten und vermengten. Ein Hals ohne Rückgrad geht eben auch nicht. Und so bleiben wir eben nicht Zuschauer, wir sind Gott, wir lenken sie und wir machen die Schwerelosigkeit. Doch auch Gott kann Fehler machen.
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