19 April 2014

Das Huhn, das vom Fliegen träumte

Sun-Mi Hwang: Das Huhn, das vom Fliegen träumte
Als noch Semesterferien waren, also vor unvorstellbar langer Zeit, hatte ich mir überlegt, dass ich das heute vorgestellte Buch lesen möchte. Mein erstes Rezensionsexemplar ging auf der postalischen Odyssee verloren, das zweite hatte dann endlich am Montag mein neugieriges Warten beendet und den Weg in meinen Briefkasten gefunden. 

via
Informationen:
Autor: Sun-Mi Hwang
Seiten: 160
Verlag: Kein & Aber
Bestellmöglichkeit: klick


Inhalt/ Klappentext:

Gelangweilt von ihrem monotonen Dasein, bricht die Legehenne Sprosse eines Tages aus ihrem Gehege aus. Doch das Leben in Freiheit ist viel härter und unbarmherziger, als sie es sich vorgestellt hat. Bis sie in einem verlassenen Nest ein Ei findet und neue Hoffnung schöpft: Die Freiheit birgt nämlich auch das größte Glück.
Eine moderne Fabel über das Träumen, die Liebe und den Mut, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Die Geschichte über das tapfere Huhn, das ausbricht und in der Freiheit seinen Platz sucht, berührt zutiefst und wirkt lange nach.




"Das Leben ist kein Ponyhof". Und: Man kann sich nicht immer die Rosinen rauspicken."- zwei mir gut bekannte, elterliche Standartfloskeln, die Hwang in ihrem Buch auf ganz eigene Weise auslegt. Während des Lesens fiel mir auf, wie gelungen Inhalt, Sprache und Wortwahl aufeinander abgestimmt sind und einen großen Interpretationsraum aufspannen. Durch den blumigen, doch recht simplen Schreibstil liest sich das Buch fast in einem Rutsch weg. 
"Der Schwarm hatte den Himmel ausgefüllt, nun verschwanden die Wildenten nach und nach hinter den Bergen in der Ferne, und ihre Schreie wurden immer schwächer. Es war, als würden sie von einer unsichtbaren Welt auf der anderen Seite des Horizonts angezogen. Plötzlich war es zu still."
Faszinierend war für mich auch Sprosses Charakter und die dadurch vermittelte Botschaft: Sie passt nicht mehr in das funktionierende System des Bauernhofs- und will auch gar nicht ihre vorgeschriebene Rolle spielen. Sie träumt und ist naiv, erleidet immer wieder Rückschläge, verliert aber nie ihre Wünsche aus den Augen. Sie entwickelt sich und bleibt hartnäckig, muss aber auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen. Auch die anderen Tiercharaktere sind abwechslungsreich und zu Ende gedacht, aber keineswegs Stereotypen,  sodass die Dialoge rund und authentisch wirken. 
Obendrein verabsolutiert Hwang nicht. Sie zeigt keine Heldin, die sich allem widersetzt und am Ende das große Glück findet. Ein bestimmtes Lebenskonzept wird nicht überhöht dargestellt, eher steht die Suche im Fokus. Die Essenz ist meiner Meinung nach, dass jeder einen eigenen Zugang zum Leben finden muss, dass jeder in etwas anderem Glück sieht und Träume und Wünsche sehr viel Einfluss auf die Lebensgestaltung haben sollten. 
Alles in allem regt Hwangs Werk feinfühlig zum durchatmen und nachdenken an.
Denn ihre atmophärischen Schilderungen, diese sich allmählich ausdehnende Handlung und der poetische Rahmen machen "Das Huhn, das vom Fliegen träumte" zu einem absolut lesenswerten Buch.


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