Früher hatte ich
immer Angst vor dem Kinderbuch „Die siebenköpfige Raupe“, weil mich mein Vater
laufend mit dieser Raupe verglich, wenn ich das geheime Süßigkeitenversteck
überfallen und leer gefuttert hatte. Ich hatte Angst, weil die Raupe am Ende
des Buches zum Schmetterling wurde. Zu einem schillernden, farbenprächtigen,
leichten und grazilen Schmetterling. Ich war damals schlau genug, um zu wissen,
dass 4 Jährige Mädchen eben nicht wie Raupen zu Schmetterlingen werden, vor
allem nicht, wenn sie Süßigkeiten bis zum Umfallen in sich reinstopfen. Ich
hatte also Angst vor dieser Raupe, weil
ich es, im Gegensatz zu einem Schmetterling, plausibel fand eines Morgens wach
zu werden und selbst eine dicke, fette
Raupe zu sein.
Aber mit der
Zeit verschwand meine Angst, eines Tages als Raupe aufzuwachen. Weil ich mit 8
immer graue Fliespullis trug, war ich keine siebenköpfige Raupe mehr. Weil ich
graue Fliespullis trug, pummelig war und riesige Segelohren hatte (die noch bis
heute an mir hängen geblieben sind) bekam ich den Namen Dumbo. Dumbo der fette Elefant. Ich fand es
überhaupt nicht cool, mit einer Figur von Disney verglichen zu werden, zumal
ich nur die schlechten Eigenschaften von Dumbo aufwies. Ich konnte mit meinen
Ohren nicht mal wackeln, geschweige denn fliegen. Aber dann dachte ich mir:
Immerhin habe ich mich von der Raupe zum Elefant hochgearbeitet. Das ist zwar
nicht ganz so schön, wie ein Schmetterling zu sein, aber welches Insekt
schafft es schon, irgendwann als riesiges Säugetier zu enden?
Wenn ich heute
eine Erklärung für meine maßlose Nascherei suche, fällt mir keine wirklich
logische ein. Ich bin nie wirklich groß geworden, oder steckte in einem
Wachstumsschub. In meinem Kopf wohnte einfach nur der Heißhunger. Immer wenn mir langweilig wurde, trat er in den Vordergrund und
umgarnte mich mit seiner kindlich naiven Art, bis ich dann schließlich nachgab
und den Appetit auf irgendwas mit Schokolade und anderem
Zucker befriedigte.
Einmal hatte ich versehentlich von einem kandierten Apfel
einen Apfelkern mitgegessen. Bestimmt eine Woche lang litt ich unter
Todespanik. Ich dachte, dass ich sterben müsste, weil aus meinem Bauch bald ein
Apfelbaum wachsen würde. Täglich guckte ich in den Spiegel und schaute nach, ob
aus meinem Bauchnabel schon langsam ein Ast oder ein Blättchen rausschaute. Ich
hatte so Angst, denn statt zu sterben, wollte ich unbedingt älter werden, weil
ich dachte, dass das cool sein muss.
Ich dachte
früher auch immer, dass der Wind von Bäumen gemacht wird und dass Wolken aus
Zuckerwatte bestehen. Im Flugzeug wollte ich immer direkt am Fenster sitzen,
nur für den Fall, dass das Fenster aufgeht. Dann hätte ich mir einen riesigen
Klumpen Abendrosawolke geschnappt und ihn den restlichen Flug lang gefuttert.
Da das aber nie passierte, starrte ich die gesamte Flugzeit lang sabbernd die
Wolken an.
Ich weiß. Das
war alles ganz schön ungerecht.
Ich war kein
Schmetterling und kein fliegender Elefant. Ich war eine Außenseiterin und ich
war pummelig. Ich war nicht bunt, ich war grau. Mit 11 schminkte ich mich nicht
wie die anderen, cooleren Mädchen, ich trug dafür eine starke Brille und eine
feste Zahnspange. Ich interessierte mich auch nicht für Jungs- ich wollte
keinen Freund haben. In meiner Vorstellung sollte eines Tages ein Prinz auf
einem Einhorn angeritten kommen und mir als Verlobungsring einen Lolli
schenken. Ich wartete darauf, um dann eine Prinzessin zu sein, in seinem
riesigen Schloss zu wohnen und den ganzen Tag Süßigkeiten zu essen. Aber mit
meiner Vorstellung vom Leben war ich ganz allein. Ich war eine Unberührbare und
wünschte mir nichts sehnlicher, als endlich erwachsen zu sein, um das tun zu können, was ich wollte.
Und wenn es im Sommer regnete, saß ich stundenlang vor
dem gekippten Fenster in meinem Zimmer und beobachtete zwei Regentropfen auf
ihrem rasanten Weg die Scheibe hinab. Das Einzige, was mir dann durch meinen
Kopf ging, war, welcher Regentropfen von beiden schneller unten ankommt und…
dass der Sommerregen irgendwie nach Schwerelosigkeit riecht.
Und mir war es
so egal, was die Anderen von mir dachten, oder wie ich auf andere wirkte. Meine
einzigen Sorgen waren damals, genug Zuckerwatte zu bekommen, keine Raupe zu
sein, den Prinzen nicht zu verpassen und vielleicht doch noch fliegen zu können.
Und heute bin
ich nicht mehr pummelig. Heute weiß ich, dass der Wind nicht durch Bäume
entsteht Wolken nicht aus Zuckerwatte bestehen. Heute esse ich Äpfel immer komplett
mit ihrem Gehäuse, weil noch nie ein Baum aus meinem Bauch gewachsen ist. Heute
brauche ich weder Zahnspange noch Brille und heute habe ich besseres zu tun,
als die Regentropfen am Fenster zu beobachten. Heute ist es mir auch nicht mehr egal, was andere von mir denken, aber wenn es im Sommer regnet, oder wenn ich nach langer Zeit mal wieder vom
Fliegen geträumt habe, dann erinnere ich mich daran, wie es früher so war. Dann
habe ich den Geruch der Schwerelosigkeit in der Nase und merke, dass Erwachsen
sein so viel anstrengender ist, als ich dachte und dass ich gar nicht erwachsen
sein will.
Ich hab keine Ahnung, wie ich hier gelandet bin, aber ich bin froh! Das mit den Regentropfen und welcher schneller ankommt... Darüber hab ich gestern noch nachsinniert, das ist mir nämlich - einfach so - wieder eingefallen. Ich liebe solche "Zufälle" und bin ab jetzt öfter hier!
AntwortenLöschenHallo Alex! Danke für die lieben Worte, das freut mich sehr!
LöschenSehr schöne Geschichte. Musste die ganze Zeit schmunzeln. Danke dafür! :)
AntwortenLöschenDankesehr!
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