05 Januar 2014

Sonntagskolumne No. 71: Manchmal frage ich mich, warum...

...eigentlich nicht mal Tagebuch schreiben?

Neues Jahr, neuer Kolumnenanfangssatzvorbau (schönes Wort). Ich wollte euch heute mal wieder einen kleinen Einblick in den Poetry Slam geben. Wie es ist, in eine fremde Stadt zu fahren und da aufzutreten. Keine Erwartungen zu haben, weil man nicht weiß, was noch alles passieren kann. Sich zu fragen, wo man schläft. Aber lest selbst. Ist nur eine Kurzfassung, reicht aber, denke ich. 

04.01.2014 
16:00
Der Wanderrucksack wartet vollgestopft an der Tür. Als ich auf dem Weg zum Bahnhof bin, wundere ich mich, wie er schon wieder so schwer sein kann- viel eingepackt habe ich nicht. Ein Textebuch, ein paar Zettel, einen dicken Pulli, die Zahnbürste, ein paar Schnittchen und Zuglektüre. Völlig ausreichend für eine Nacht in Dresden.
Der Kalender zuhaus kündigt das Wochenende nett an
18:30
Ich komme in Dresden an und frage ein bisschen verloren bei Passanten nach dem Weg, mein Handy will heute mal nicht Navi spielen. Aber die Menschen sind sehr nett und kennen die Scheune, mein Wegziel und ich finde mich gut zurecht. Fremde Straßen, andere Gerüche, überall Lichter. Die 3 Straßen, die ich auf meinem Weg kreuze, machen Dresden schon mal zu einer schönen Stadt.
19:00
Hallo Scheune! Viele andere Slammer sind auch schon da, zwei kenne ich von anderen Städten. Es ist schön, völlig fremd zu sein und dennoch jemanden zu kennen. Die Zeit bis zum Beginn des Slams geht sehr schnell vorbei. Wir sollen in der Nacht direkt im Veranstaltungsort schlafen. Die Scheune ist nämlich sehr groß, eine Etage über dem Raum des Slams (wo wohl 350 Leute reinpassen) ist ein gemütlicher Bereich nur für uns. Geschmierte Brötchen, dick belegt mit Käse und ganz viel leckeres Obst wartet auf dem Tisch mitten in einer Sitzgruppe. Die Feuertreppe draußen an der Seite könnte man auch romantisch als winzigen Balkon betrachten. Zwei Gästezimmer, puristisch eingerichtet, stehen bereit- ich ergattere ein großes Einzelzimmer. 
22:30
Obwohl es 10 Slammer an diesem Abend waren, ging die Show recht zügig vorrüber. Jan Philipp Zymni hat gewonnen und reicht seine Siegerprämie- eine Flasche guten Büffelgraswodka- herum. Alle nehmen einen Schluck und pflichten bei, dass er gar nicht so schlecht schmeckt. 

Nettes Bewertungssystem mit Polaroid-Bildern und Chips. Ich mag das Bild. 
23:30
Irgendwie wollen wir noch irgendwo einkehren, um den Abend gut ausklingen zu lassen. Ich werde von 3 fremden Mädchen aus dem Publikum angesprochen, dass sie mir am nächsten Tag gerne Dresden zeigen würden (ich hatte beim Auftritt ins Publikum gefragt, ob mir jemand eine Stadtführung gibt). Ich kenne nicht mal den Namen der drei, aber bin mit ihnen für 13 Uhr bei der Scheune verabredet. Erst danach stelle ich fest, dass ich bis 11 Uhr schon das Zimmer geräumt haben muss und brauche nun einen Plan, was ich von 11 bis 13 Uhr machen soll. Nils ist Dresdener und schlägt brunchen vor- ich freue mich.
05.01.2014 
01:00
Irgendwo in einem Club, der kein Club ist, sondern eine große Bar, die wiederum voll von tanzenden Menschen ist. Hallo Groovestation. Wir sind an dieser langen Schlange vorm Eingang vorbeigeschlichen und haben am Einlass gesagt, dass wir nur heute in Dresden sind und Poetry Slammer sind. Zum ersten Mal im Leben einfach nicht angestanden. Hiphop. Die Menschen sind alle glücklich, weil ein DJ auflegt (Fat Kat, oder so). Ich hab noch nie von ihm gehört. Wir lernen in kurzer Zeit viele Menschen kennen, aber bleiben dennoch nicht lange. Diese Bar-Club-Mischung ist merkwürdig.
03:00
Ich muss feststellen, dass das Hotelzimmer zwar ordentlich und modern eingerichtet ist, ich mich aber nicht häuslich einrichten kann. Der klägliche Versuch, Gemütlichkeit zu erreichen, in dem ich meine ganzen Sachen aus dem Wanderrucksack auf der Couch verteile, scheitert. Ich kann nicht schlafen. Draußen regnet es und ich tigere in meinem Zimmer auf und ab. Gehe noch mal auf den kleinen Balkon, lege mich wieder ins Bett.
07:30
Ungefähre Zeit des Wegpennens, da zumindest den iPod ausgestellt und den millionsten Versuch des Einschlafens gestartet. Draußen war es schon so halb hell.
10:00
Beim Weckerklingeln festgestellt, dass der Millionste Versuch geglückt ist, aber ich diesen Wecker gerade hasse. Ich spiele kurz mit dem Gedanken einfach weiterzuschlafen, erinnere mich dann aber an die Pflicht, bis 11 Uhr das Zimmer geräumt zu haben und sehe meine Sachen auf der Couch verstreut liegen. Nein, auch bei Tageslicht machen sie den Raum nicht gemütlicher. Ca. 2h Schlaf ist richtig blöd, der Tag ist noch lang.
Nils und Kater, stellt euch vor ich säße dort. 
11:00
Ich treffe mich mit Nils, wir gehen brunchen. Wir reden ganz viel, lachen und genießen das üppige Buffet. Ich schaffe nur ansatzweise so viel, wie ich gerne essen möchte. Irgendwann bin ich kurz vorm Platzen und ein Kater teilt sich die Sitzfläche des Stuhls mit mir. Es hilft mir auch, noch ein paar Essensreste loszuwerden und ist in einer Plauderlaune. Nils mag ihn auch. 
13:26
Nils umarmt mich am Bahnhof, der Zug Richtung Heimat fährt los. Falls diese 3 Mädchen von gestern Abend mitgelesen haben, ich war wirklich zwischen 5 vor und 5 nach 1 vor der Scheune und habe auf euch gewartet. Allerdings nur, um euch fair abzusagen (ich habe ja keine Telefonnummer), denn: ich bin sehr müde und wollte schlafen. Ich hätte auch länger auf euch gewartet, aber dann hätte ich meinen Zug nicht mehr geschafft. 

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