09 Januar 2014

[Romanauszug] Margarete 1.Szene (Teil 3)

Die letzten Tage war ich mehr oder weniger schwer beschäftigt. Meine Design-Auftragswebseite sollte den letzten Schliff bekommen und außerdem warten noch einige Auftritte und ein unfertiger Text auf mich. Und nebenbei ist da ja noch die Uni, die eigentlich an erster Stelle stehen soll. 
Lange Rede, kurzer Sinn: Heute möchte ich euch wieder einen Romanauszug präsentieren. Ich würde mich über eure Meinung freuen!
Silvester 13/14. Wunderkerzenspaß mit Claire. 


(Was bisher geschah: Margarete. Nachmittags, am Fenster sitzend und lesend. Sich schlafen stellend. Kenan, den Nachbarsjungen und Hermann der Spitz. Abends, sie trinkt Wein, hört emotional geladen Edith Piaf und ruft dann Hermann, den Spitz zu sich.)
Kaptiel 2. (Teil 3) & 4

-„Was versteckst du dich denn unter der Bank und bist so schweigsam, hm?“
Treudoofe Augen schielten zu ihr auf.
-„Na komm, hier. Ausnahmsweise darfst du heute hier neben mir sitzen.“
Sie klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich und als der Spitz ihrer Bitte mit einem vorsichtigen Sprung auf die Chaiselongue folgte, lehnte sie sich zurück und streichelte sein Fell.
-„Weißt du, ich verstehe bis heute nicht, wie Piaf so begabt und zugleich so anfällig für Skandale und Leid gewesen sein kann.“
Als der Hund sie weiterhin anschwieg, versank sie wieder in der Musik und schloss die Augen, bis Hermann geräuschvoll gähnte.
-„Du hast aber auch gar keinen Respekt. Wie kann man nur so kunstverdrossen, so unmusikalisch sein! Pfui! Hau ab! So Einen will ich nicht in meiner Nähe haben!“
, ging sie scharf den Spitz an und schubste ihn wieder von der Chaiselongue hinunter. Dieser kroch betroffen wieder unter die Lesebank am Fenster und funkelte sie von da aus mit seinen dunklen Augen an. Nachdem auch die zweite Hälfte der Platte zu Ende gespielt hatte, verpackte sie diese wieder in ihrer abgegriffenen und zerfledderten Papphülle. Das dritte Mal füllte der Wein das Gläschen, das wieder auf seinem Ausgangspunkt, dem Klavier, stand. Dann begann sie zu spielen und tauchte in ihrer selbstgeschaffenen Welt aus Klaviermusik ab. Hier und da sang sie einige Sätze mit, während ihre Hände ununterbrochen über die vergilbten Tasten flogen. Ein Hauch von Opernbesuchen, großen Bällen, Chansons, langen, aufwendigen Kleidern und wunderschönen Damen durchflutete den Raum. Als dann die Hände begannen, gemächlicher zu spielen und ihre leiser werdende Stimme gegen Hermanns Schnarchen anzukämpfen hatte, war draußen bereits finstere Nacht.
-„Blödes Tier!“
, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu dem schlafenden, schwarzen Ungetüm. Dann trank sie die letzte Pfütze auf dem Glasboden aus und klappte übertrieben laut den Klavierdeckel zu. Der Hund, vom lauten Geräusch aufgeschreckt, begann sich gemächlich zu strecken und schlurfte anschließend in Richtung Wohnzimmertür, als wäre dieses Geräusch die Ankündigung der Schlafenszeit gewesen. Als Margarete das dunkle Wohnzimmer verließ, lag Hermann schon in seinem rot karierten Hundekorb und grunzte leise vor sich hin. Margarete ging ins Badezimmer, machte sich für das Bett fertig. Die Prozedur schloss immer mit einem reichhaltigen Eincremen des Gesichts und Margaretes mantra-ähnlichem Satz: „Man wird ja eben nicht jünger.“, ab. Bis zum nächsten Tag blieb danach die Wohnung still.
Der Tag begann für Margarete wie jeder Andere. Zuerst einen Blick auf den Wecker, weil die schmalen Lichtstrahlen, die durch die kleinen Ritzen der Jalousie hereinlugten, schwer die Tageszeit schätzen ließen. Sie stellte sich schon lange nicht mehr die Weckfunktion an, denn es war prinzipiell unwichtig geworden, wann sie den Tag begann. Schlief sie länger, waren die Tage wenigstens schneller vorbei. Kurz vor 10 Uhr vormittags.
Sie blieb noch einige Momente im Bett liegen und versuchte, ein paar Geräusche von der Außenwelt aufzuschnappen. Im Halbdunkel sah sie den kleinen Schatten am Fußende ihres Bettes nervös herumtänzeln.
-„Ja, ja, ja. Ich weiß. Du musst mal. Ich stehe ja schon auf. Ich muss mich nur mal schnell frisch machen, dann gehen wir in den Hof, okay?“
Auf dem Weg hin zum Bad bemerkte sie, dass der Geschmack in ihrem Mund vermutlich dem eines hundertjährigen Mammuts glich.
„Es wäre mal wieder an der Zeit das Bad zu putzen“
, murmelte sie vor sich hin, als sie auf dem Badspiegel die von der Sonne hervorgehobenen Fettflecke und Zahnpastaspritzer sah.  Die Zahnpasta schmeckte wie alter Käse und ließ den Mammutgeschmack noch schlimmer werden. Da Hermann ungeduldig an der Wohnungstür kratzte, kämmte Margarete hastig ihren weißen Lockenkopf und cremte sich ihr Gesicht auf dem Weg zu Hermanns Leine ein. Ihre gepolsterten Holzpantoffeln klapperten laut, als sie die Treppe zum Hof hinab nahm. Trotz ihres hastigen Abstiegs, wartete Hermann bereits unten auf sie. Sie schnallte ihm die Leine um und öffnete die Hoftür. Früher hatte sie ihm die Leine gleich in der Wohnung angelegt, aber weil er immer so stürmisch die Treppen hinab hastete, hatte er sie einmal umgerissen und ihr zahlreiche blaue Flecken beschert. Seit dem durfte er sich im Wohnhaus frei bewegen, die Türen zur Außenwelt waren eh immer geschlossen, sodass er ihr nicht ausbüchsen konnte.
Der Himmel war aschgrau und leichter Nieselregen kam aus den dicken Wolken. Die kleine Grasfläche in der Mitte des Hofes war voller Feuchtigkeit. Jemand hatte seine Wäsche auf der Leine vergessen, sodass sie jetzt, vermutlich nasser, als aus der Waschmaschine, schwer hinab hing. Margaretes Gesicht verfinsterte sich. Das Wetter hatte, ohne es zu wissen, ihre morgendliche Laune nachgeahmt und sie dadurch jetzt noch frustrierter gemacht. Grimmig beobachtete sie, wie Hermann sich im Gras pitschnasse Pfoten holte, als er sein Geschäft verrichtete. Einen Augenblick später lockerte sich ihre Mimik ruckartig wieder und sie befühlte hastig ihre Wangen, als hätte jemand zu ihr gesagt, dass sie, wenn sie grimmig schaut, viel mehr Falten hat und älter aussieht. Ihre Augen blieben noch kurz vor Angst geweitet, dann wendete sich Margarete vom Hof ab, ging zur Tür und rief Hermann hinein. Oben trocknete sie seine Pfoten mit einem alten Handtuch ab und wischte danach die Fußtapsen im Flur weg. Der Kühlschrank brummte laut, als sie in ihn hineinspähte. Der Tee auf dem Küchentisch dampfte exzentrisch, als wollte er sie daran erinnern, dass sie sich mit der Essensauswahl beeilen solle, damit er nicht kalt werden würde.  Aus dem Wasserhahn in der Spüle kamen erbarmungslos Tropfen heraus und platschten geräuschvoll in das metallene Becken. Fahrig griff Margarete nach dem Stück Butter und warf die Kühlschranktür wieder zu. Bevor sie die Knäckebrottüte vom Hängeschränkchen fingerte, stupste sie leicht den Wasserhahn an, damit er mit dem Tropfen aufhörte. 

1 Kommentar:

  1. Ich würde gerne mehr Kritik geben, aber ohne die Geschichte ganz zu kennen, fällt mir das einfach sehr schwer. Ich finde (wie schon bei den letzten Teilen), dass du sehr schön und detailreich schreibst und das gefällt mir sehr gut. Und immer noch bin ich gespannt, was noch so passieren wird :)

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