22 Dezember 2013

Sonntagskolumne No. 69: Kann man nicht einfach mal...

...Vorweihnachtlich sein?
Ich wünsche euch allen einen entspannten und gemütlichen 4. Advent. Meine vorweihnachtliche Kolumnenreihe beende ich heute mit einem Text, der Weihnachten eigentlich ein bisschen schlecht machen sollte, aber dann doch das schöne an Weihnachten zeigt. Da er noch relativ neu ist, hat er keinen richtigen Titel, sondern nur einen Arbeitstitel.
01.12.13 - Weihnachts-Zeit, oder: Weniger ist mehr (Klick)
08.12.13 - Geschenke, die wirklich toll sind (Klick)
15.12.13 - Plätzchenbackunfälle (Klick)
22.12.13 - Überraschung

(Arbeitstitel): Der Weihnachten-Text

Prolog:
Ein kluger Mensch hat einmal festgestellt, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens die drei Phasen von Weihnachten durchmacht. Phase 1: Du glaubst an den Weihnachtsmann. Phase 2: Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann. Phase 3: Du bist der Weihnachtsmann.  

Als ich darum gebeten wurde, einen weihnachtlichen Text zu schreiben, bekam ich keine einzige Zeile zu Papier. Nicht, weil mir eine Schreibblockade jegliche Worte raubte, sondern einfach weil ich Weihnachten nicht mag. Ich hasse Weihnachten.
Aber wer schreibt schon einen negativen, hasserfüllten oder depressiven Text über Weihnachten? Und wer würde sich solch einen negativen, hasserfüllten oder depressiven Text über Weihnachten anhören wollen?
Also tat ich das, was ich in einer schwierigen Situation immer tue: Ich rief meine besten Freunde an und organisierte eine Krisensitzung in unserer Stammbar.
„Wisst ihr, der Mist geht doch schon im September los, wenn in jedem kommerziellen Supermarkt pünktlich zum Herbstanfang Lebkuchenherzen, Kräuterprinten, Pfeffernüsse, Dominosteine und Schokoladenweihnachtsmänner im Sonderangebot sind. Da trage ich noch meine Sommerjacke und komme noch nicht mal auf die Idee, mir Winterspeck anzufuttern. Im Ernst- wer kauft denn sowas?“, fragte ich in die Runde. 
Der Großteil meiner Freunde schwieg verlegen, wie immer, wenn ich mich peinlich verhalte. Sven fasste sich dann doch noch ein Herz und erklärte mir, dass zu dem Zeitpunkt die Weihnachtsleckereien noch am frischesten Seien und sie deshalb genau zu diesem Zeitpunkt gekauft werden müssen, weil die Firmen zur eigentlichen Weihnachtszeit nicht mehr produzieren und deshalb keine frischere Ware mehr kommen wird. Das klang nicht besonders weihnachtlich. 
Sind meine Freunde Pragmatiker, Kapitalisten oder war meine Frage einfach falsch formuliert? Also brachte ich das zur Sprache, was mich an Weihnachten am meisten nervt: Die Geschenke. 
Als Student habe ich genug Geld zum leben, aber immer zu wenig, um wirklich tolle Geschenke zu machen. Eine 2 Euro Flasche Wein ist unkreativ und wenn ich jedes Jahr irgendwelche schick verpackten Weihnachtsbaumkugeln vom Weihnachtsmarkt anschleppe, bräuchte meine Familie bald zwei Christbäume, um meine Geschenke nicht auf dem Dachboden verstauben zu lassen. 

Die Verwandten sagen, dass sie sich über was Selbstgebasteltes auch freuen würden, aber seien wir mal ehrlich: Als Zwanzigjährige Papierweihnachtsmänner und Sterne zu basteln ist irgendwie albern und unangemessen. Und außerdem frisst eine Bastelstunde wahnsinnig viel Zeit, da ich keine Grundschullehrerin mehr habe, die mir fertige Ideen und vorbereitete Papierbögen auf den Arbeitsplatz legt. Aber wirklich gute Weihnachtsgeschenke zu kaufen, die mein Budget nicht sprengen und dennoch kreativ sind, ist fast unmöglich. Also enttäusche ich eigentlich jeden zur Geschenkezeit, weil ich arm, faul und unkreativ bin. 
Und, so ganz am Rande: Den Weihnachtsmann gibt es doch eh nicht, der ist doch nur ein PR-Gag von Coca Cola. (Ich bin in Phase 2) Plötzlich wurde mein negativer Monolog von meiner BWL-Kommilitonin Sophie unterbrochen, die augenscheinlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Sie mag negative Energie überhaupt nicht und da sie vermutlich keine besseren Argumente für das Weihnachtsfest hatte, ging sie direkt auf meine Weihnachtsmann-Verleumdung ein. 
„Ganz ehrlich: Du machst dir was vor und das weißt du auch. Abgesehen, dass der Geist von Weihnachten nicht in materiellen Dingen existiert, ist der Weihnachtsmann schon lange nicht mehr bei Coca Cola angestellt. Bevor du überhaupt geboren wurdest,  war der Weihnachtsmann vom vielen Cola trinken Diabetiker geworden und kämpfte gegen sein Übergewicht an. Irgendwann hatte er genug von der Ausbeutung des riesigen Konzerns und gründete sein eigenes Unternehmen. Die Gewerbesteuerfreiheit des Nordpols begünstigte seine Selbstständigkeit und so ist er schon seit vielen Jahren unabhängig von irgendwem!“ 
Das war wohl die schlechteste betriebswirtschaftliche Lüge, die ich jemals gehört hatte, vermutlich war Sophie in der ersten Phase (Du glaubst an den Weihnachtsmann) auf ganz ungesunde Weise hängen geblieben. Kurz bevor das freundschaftliche Krisentreffen ergebnislos vorüber ging, nahm mich Michelle bei Seite und flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr: „Ich weiß, dass du Weihnachten eigentlich magst. Du weißt es nur noch nicht selbst, aber mach dir keine Sorgen, bald wirst du es selbst merken.“
Auf dem Nachhauseweg dachte ich an all die vergangenen Weihnachtsfeste. An die von vor vielen Jahren, als mein Vater für mich der authentischste Weihnachtsmann der Welt war und das Weihnachtsfest noch Spaß machte. An die Weihnachtsfeste, an denen ich mich mit meinen Eltern stritt, weil ich lieber zur Christmas-is-dead-Party wollte, als mich beim Weihnachtsessen zu langweilen. An die letzten Weihnachtsfeste, an denen ich mehr im Zug saß und gestresst von einem Treffen zum nächsten hetzte, als Weihnachten überhaupt zu feiern.
Und dann, als ich am gerade schließenden Weihnachtsmarkt meiner Stadt vorbei lief, auf dem nur noch einsame Glühweinbetrunkene „Jingle Bells“ sangen, packte mich der Geist der Weihnacht. In der Luft hing noch ein schwacher Duft von gebrannten Mandeln, von Glühwein und einer Champignonpfanne, eine leichte Note von Eichenholz der Erzgebirgsschnitzereien mischte sich auch unter. 
Und plötzlich, als der riesige Plastikweihnachtsmann vor mir zuzwinkerte, wusste ich, was Michelle meinte. Auch wenn Weihnachten kommerziell wirkt und man einen Berg an Geld, Zeit und Nerven in der Adventszeit verlieren kann: Weihnachten ist mehr als das. Weihnachten ist kein tradierter, nerviger Brauch. 
Weihnachten ist die einzige Möglichkeit im Jahr, richtige Zeit für Freunde, Familie und Liebe zu finden. Ruhe zu finden. Denn der Stress des Alltags wird dann für wenige Stunden unter einer Schneedecke begraben und während man sich mit Gans und Schokolade vollstopft und die blinkenden Lichterketten zusammen mit den Weihnachtsliedern, die man sich schon längst übergehört hat, die Gedanken ganz wirr werden lassen, ist man mit der Familie zusammen. Und selbst, wenn die Geschenke blöd sind und die Lebkuchen schon alt schmecken, kann nichts die Stimmung verderben.
Epilog:

Ich glaube, dass der kluge Mensch die drei Phasen von Weihnachten vollkommen richtig erkannt hat. Phase 1. Du glaubst an den Weihnachtsmann, Phase 2: Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann, Phase 3: Du bist der Weihnachtsmann. Denn in dir, ganz tief drinnen, leuchtet das Licht der Weihnachten heller als jeder Christbaum.

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