Ich wünsche euch allen einen entspannten und gemütlichen 4. Advent. Meine vorweihnachtliche Kolumnenreihe beende ich heute mit einem Text, der Weihnachten eigentlich ein bisschen schlecht machen sollte, aber dann doch das schöne an Weihnachten zeigt. Da er noch relativ neu ist, hat er keinen richtigen Titel, sondern nur einen Arbeitstitel.
01.12.13 - Weihnachts-Zeit, oder: Weniger ist mehr (Klick)
08.12.13 - Geschenke, die wirklich toll sind (Klick)
15.12.13 - Plätzchenbackunfälle (Klick)
22.12.13 - Überraschung
(Arbeitstitel): Der Weihnachten-Text
Prolog:
Ein kluger Mensch hat einmal festgestellt, dass jeder Mensch
im Laufe seines Lebens die drei Phasen von Weihnachten durchmacht. Phase 1: Du
glaubst an den Weihnachtsmann. Phase 2: Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann.
Phase 3: Du bist der Weihnachtsmann.
Als ich darum gebeten wurde, einen weihnachtlichen Text zu
schreiben, bekam ich keine einzige Zeile zu Papier. Nicht, weil mir eine Schreibblockade
jegliche Worte raubte, sondern einfach weil ich Weihnachten nicht mag. Ich
hasse Weihnachten.
Aber wer schreibt schon einen negativen, hasserfüllten oder
depressiven Text über Weihnachten? Und wer würde sich solch einen negativen, hasserfüllten
oder depressiven Text über Weihnachten anhören wollen?
Also tat ich das, was ich in einer schwierigen Situation
immer tue: Ich rief meine besten Freunde an und organisierte eine Krisensitzung
in unserer Stammbar.
„Wisst ihr, der Mist geht doch schon im September los, wenn
in jedem kommerziellen Supermarkt pünktlich zum Herbstanfang Lebkuchenherzen,
Kräuterprinten, Pfeffernüsse, Dominosteine und Schokoladenweihnachtsmänner im
Sonderangebot sind. Da trage ich noch meine Sommerjacke und komme noch nicht
mal auf die Idee, mir Winterspeck anzufuttern. Im Ernst- wer kauft denn sowas?“,
fragte ich in die Runde.
Der Großteil meiner Freunde schwieg verlegen, wie
immer, wenn ich mich peinlich verhalte. Sven fasste sich dann doch noch ein
Herz und erklärte mir, dass zu dem Zeitpunkt die Weihnachtsleckereien noch am
frischesten Seien und sie deshalb genau zu diesem Zeitpunkt gekauft werden
müssen, weil die Firmen zur eigentlichen Weihnachtszeit nicht mehr produzieren
und deshalb keine frischere Ware mehr kommen wird. Das klang nicht besonders
weihnachtlich.
Sind meine Freunde Pragmatiker, Kapitalisten oder war meine
Frage einfach falsch formuliert? Also brachte ich das zur Sprache, was mich an
Weihnachten am meisten nervt: Die Geschenke.
Als Student habe ich genug Geld
zum leben, aber immer zu wenig, um wirklich tolle Geschenke zu machen. Eine 2
Euro Flasche Wein ist unkreativ und wenn ich jedes Jahr irgendwelche schick
verpackten Weihnachtsbaumkugeln vom Weihnachtsmarkt anschleppe, bräuchte meine
Familie bald zwei Christbäume, um meine Geschenke nicht auf dem Dachboden
verstauben zu lassen.
Die Verwandten sagen, dass sie sich über was Selbstgebasteltes
auch freuen würden, aber seien wir mal ehrlich: Als Zwanzigjährige
Papierweihnachtsmänner und Sterne zu basteln ist irgendwie albern und
unangemessen. Und außerdem frisst eine Bastelstunde wahnsinnig viel Zeit, da
ich keine Grundschullehrerin mehr habe, die mir fertige Ideen und vorbereitete
Papierbögen auf den Arbeitsplatz legt. Aber wirklich gute Weihnachtsgeschenke
zu kaufen, die mein Budget nicht sprengen und dennoch kreativ sind, ist fast
unmöglich. Also enttäusche ich eigentlich jeden zur Geschenkezeit, weil ich
arm, faul und unkreativ bin.
Und, so ganz am Rande: Den Weihnachtsmann gibt es
doch eh nicht, der ist doch nur ein PR-Gag von Coca Cola. (Ich bin in Phase 2)
Plötzlich wurde mein negativer Monolog von meiner BWL-Kommilitonin Sophie
unterbrochen, die augenscheinlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Sie
mag negative Energie überhaupt nicht und da sie vermutlich keine besseren
Argumente für das Weihnachtsfest hatte, ging sie direkt auf meine
Weihnachtsmann-Verleumdung ein.
„Ganz ehrlich: Du machst dir was vor und das
weißt du auch. Abgesehen, dass der Geist von Weihnachten nicht in materiellen Dingen
existiert, ist der Weihnachtsmann schon lange nicht mehr bei Coca Cola
angestellt. Bevor du überhaupt geboren wurdest, war der Weihnachtsmann vom vielen Cola trinken
Diabetiker geworden und kämpfte gegen sein Übergewicht an. Irgendwann hatte er
genug von der Ausbeutung des riesigen Konzerns und gründete sein eigenes
Unternehmen. Die Gewerbesteuerfreiheit des Nordpols begünstigte seine
Selbstständigkeit und so ist er schon seit vielen Jahren unabhängig von
irgendwem!“
Das war wohl die schlechteste betriebswirtschaftliche Lüge, die ich
jemals gehört hatte, vermutlich war Sophie in der ersten Phase (Du glaubst an
den Weihnachtsmann) auf ganz ungesunde Weise hängen geblieben. Kurz bevor das
freundschaftliche Krisentreffen ergebnislos vorüber ging, nahm mich Michelle
bei Seite und flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr: „Ich weiß, dass du
Weihnachten eigentlich magst. Du weißt es nur noch nicht selbst, aber mach dir
keine Sorgen, bald wirst du es selbst merken.“
Auf dem Nachhauseweg dachte ich an all die vergangenen
Weihnachtsfeste. An die von vor vielen Jahren, als mein Vater für mich der
authentischste Weihnachtsmann der Welt war und das Weihnachtsfest noch Spaß
machte. An die Weihnachtsfeste, an denen ich mich mit meinen Eltern stritt,
weil ich lieber zur Christmas-is-dead-Party wollte, als mich beim
Weihnachtsessen zu langweilen. An die letzten Weihnachtsfeste, an denen ich
mehr im Zug saß und gestresst von einem Treffen zum nächsten hetzte, als
Weihnachten überhaupt zu feiern.
Und dann, als ich am gerade schließenden Weihnachtsmarkt
meiner Stadt vorbei lief, auf dem nur noch einsame Glühweinbetrunkene „Jingle
Bells“ sangen, packte mich der Geist der Weihnacht. In der Luft hing noch ein
schwacher Duft von gebrannten Mandeln, von Glühwein und einer Champignonpfanne,
eine leichte Note von Eichenholz der Erzgebirgsschnitzereien mischte sich auch
unter.
Und plötzlich, als der riesige Plastikweihnachtsmann vor mir
zuzwinkerte, wusste ich, was Michelle meinte. Auch wenn Weihnachten kommerziell
wirkt und man einen Berg an Geld, Zeit und Nerven in der Adventszeit verlieren
kann: Weihnachten ist mehr als das. Weihnachten ist kein tradierter, nerviger
Brauch.
Weihnachten ist die einzige Möglichkeit im Jahr, richtige Zeit für
Freunde, Familie und Liebe zu finden. Ruhe zu finden. Denn der Stress des
Alltags wird dann für wenige Stunden unter einer Schneedecke begraben und
während man sich mit Gans und Schokolade vollstopft und die blinkenden
Lichterketten zusammen mit den Weihnachtsliedern, die man sich schon längst übergehört
hat, die Gedanken ganz wirr werden lassen, ist man mit der Familie zusammen.
Und selbst, wenn die Geschenke blöd sind und die Lebkuchen schon alt schmecken,
kann nichts die Stimmung verderben.
Epilog:
Ich glaube, dass der kluge Mensch die drei Phasen von
Weihnachten vollkommen richtig erkannt hat. Phase 1. Du glaubst an den
Weihnachtsmann, Phase 2: Du glaubst nicht an den Weihnachtsmann, Phase 3: Du
bist der Weihnachtsmann. Denn in dir, ganz tief drinnen, leuchtet das Licht der
Weihnachten heller als jeder Christbaum.
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