05 Mai 2013

Sonntagskolumne No. 38: Kann man nicht einfach mal...

...nicht existente Menschen ansprechen?

Sonst schreibe ich meine Sonntagskolumne an meine Leser und auch an mich selbst. Um meine Gedanken zu reflektieren, Meinungen zu hören, Diskussionen anzuregen oder No-Go's auszusprechen. Vor einiger Zeit habe ich mal einen Text an... tja, an alle ungeborenen Eizellen dieser Welt geschrieben. Einfach so. Die Grundidee kam daher, dass ich mich gefragt hatte, was ich zu dem Babybauch einer Schwangeren sagen würde. Und dabei kam dieser Text heraus, ich weiß nicht, ob ich ihn mag, oder nicht, aber ich denke, es ist auch mal ein schöner Text für eine Sonntagskolumne, vielleicht regt ja er auch zum Nachdenken an?


Du und wie dein Leben vielleicht wird.

Du wirst geboren.
Noch bevor du das Licht der Welt erblickst, bevor du dir überhaupt vorstellen kannst, dass es außerhalb der Gebärmutter noch ein Leben gibt, haben deine Eltern schon dein Kinderzimmer für dich eingerichtet. Deine rosafarbene Kleidung liegt auch schon bereit.
Du kommst auf die Welt und dir wird ein Name zugeteilt. Nicht der Name passt zum Menschen, sondern der Mensch hat gefälligst zu seinem Namen zu passen.
Du lebst, wirst anfangs aber mehr gelebt. Du hast deine Kindheit und kannst noch nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden. Dir wird gesagt, was man zu tun hat und du tust es, so gut es geht. Du kannst auch noch nicht Glück von Unglück unterscheiden und hast auch noch kein Gefühl für Zeit. Dieses Zeitgefühl wirst du übrigens nie bekommen, weil die Zeit, wenn du älter wirst, irgendwie immer schneller voranschreitet. Du kannst davon ausgehen, dass deine Mutter sich Mühe geben wird, dir eine „heile“ Kindheit zu ermöglichen und nebenbei versucht, nicht Alleinerziehend zu sein, sondern deinen vermutlich guten Vater zu behalten.
Du wirst irgendwann eingeschult, vermutlich dann, wenn ein Psychologe dich für bereit erklärt. Wenn du im Kindergarten noch keine wirklichen Freunde hattest, wirst du jetzt vielleicht die erste Möglichkeit dazu haben. Je nach Erziehung wirst du schon in der Grundschule Erwartungen zu erfüllen haben. Deine Verwandtschaft wird dir regelmäßig Predigten halten und dir erklären wollen, wie wichtig Bildung ist und wie fleißig man zu sein hat. Sie werden auch immer bemerken, dass du groß geworden bist. Und wenn du etwas älter wirst, werden sie dich warnen, nie, ja absolut niemals mit dem Rauchen anzufangen. Weil man dann nicht mehr wächst und krank wird. Du wirst das erst später verstehen. Du wirst deine eigenen Erfahrungen machen. Aber das wird dir keiner sagen, weil man so was halt nicht sagt. Weil das keine Unterstützung ist. Aber du lernst in deiner Grundschulzeit schon etwas von Verantwortung tragen und von Erwartungen, die Andere an dich haben. Du kannst Freude und Leid differenzieren und bist dir deiner Selbst vielleicht schon zum Ende der Grundschulzeit bewusst.
Du wirst deine erste Lerneinschätzung bekommen und wenn du gut genug bist, kommst du dann aufs Gymnasium. Du wirst Freunde verlieren und vielleicht zum ersten Mal spüren, was denn Verlust überhaupt bedeutet. Du wirst dir aber noch nicht bewusst sein, wie wichtig der erste Eindruck in einer neuen, größeren Gruppe ist. Wenn dir das bewusst wird, ist es schon zu spät und du hast dich schon ungewollt mit deiner Art in die Gruppe gefügt. Du wirst vielleicht eine Außenseiterin sein, weil du anders bist. Du spürst dann, wie gemein Menschen sein können und wie es sich anfühlt, wegen unwichtigen Kleinigkeiten verachtet zu werden. Vielleicht, weil du pummelig bist, oder Segelohren hast, weil irgendwas an dir unperfekt ist, du verletzlich erscheinst, weil du noch kein Interesse an Jungs hast, oder Interesse an den falschen Jungen, oder weil deine Klamotten nicht teuer genug, nicht bunt genug, zu bunt oder zu alt sind. Oder alles zusammen. Später wirst du über deine damaligen Probleme den Kopf schütteln und es besser wissen. Aber wie gesagt, da hast du dann schon deine Erfahrungen gemacht. Zuvor musst du dich entscheiden, ob du dich der Masse fügst, ob dich der Gruppenzwang plättet, oder ob du dein Ding einfach durchziehst.
So oder so wirst du verlieren. Später wird dir das öfters auffallen- mit jeder Entscheidung, die du triffst, verbaust du dir andere Möglichkeiten, nie kannst du alles gewinnen. Mit etwas Glück lernst du Menschen kennen, die dich so mögen, so, wie du bist und die deine Fehler akzeptieren. Mittlerweile wirst du die Begriffe Glück und Unglück definieren können und vielleicht schon altklug und verträumt von deiner Kindheit sprechen, obwohl du möglicherweise noch nicht in der Pubertät bist.
Wenn die dann da ist, werden deine Probleme erst richtig losgehen. Die Grüppchenbildung wird noch extremer werden und du musst dich für eine Clique entscheiden. Der Leistungsdruck wird auch immer schlimmer werden und deine Eltern werden dich womöglich immer häufiger stressen. Du wirst dich oft mit ihnen streiten und sie tot wünschen, du wirst deine ersten ernsthaften Lügen durchleben und Konsequenzen bewusst tragen müssen. Vielleicht passierte das auch schon früher, aber spätestens jetzt wirst du einen ersten echten Geschmack vom Leben haben.
Du wirst dich intensiv mit deinem Körper auseinander setzen und zum ersten Mal dich verliebt glauben. Du wirst verletzt werden, da sei dir sicher. Jeder muss ein gebrochenes Herz erleben und selbst, wenn deine Großeltern seit Anbeginn der Tage ein Paar sind und nie jemand Anderes hatten, glaube mir, auch ihnen wurde das Herz gebrochen. Du musst aber wissen, dass man über so was nicht redet. Das ist eines von vielen Tabuthemen. So wie deine Mutter dir auch nie von ihren Alkohlexzessen erzählen wird, oder dein Vater von seinen Ausrutschern. Sowas macht man halt nicht.
Du wirst das erste Mal richtig betrunken sein und wissen, was ein Kater bedeutet, vielleicht wirst du auch anfangen zu rauchen, aus Coolness, oder aus welchen Gründen auch immer und wirst dich zu dem Zeitpunkt nicht mehr an die Warnungen deiner Verwandtschaft erinnern. Oder du verteufelst dann einfach alle, die älter und weiser sind als du und tust dann die ganzen Dinge einfach aus Protest. Weil es immer an der Zeit ist, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird schon bald in unauslöschbar in deinen Verstand kommen und dich lange beschäftigen.
Du wirst dich mit Gleichaltrigen mit etwas Glück vielleicht nicht mehr nur über Stars und Haarfrisuren unterhalten, sondern hin und wieder auch ernstere Themen des Lebens diskutieren. In deinem Kopf hast du eventuell dann schon eine vage Traumvorstellung von deinem Leben, du siehst dich in weiter Ferne vielleicht schon mit Kindern und Mann und nicht mehr nur als Astronautin. Ehe du dich versiehst wirst du dann deine ersten großen Prüfungen haben, doch viel spannender wird das „Was dann?“ für dich sein.
Du hast dann dein Abitur in der Tasche und hast vielleicht noch keine Idee. Die Ferne wird dich zu sich rufen und du wirst vielleicht dann in eine andere Stadt zum Studieren ziehen. Das erste Mal alleine wohnen, oder in einer WG und das erste Mal die Unabhängigkeit spüren. Du wirst merken, dass du erstmal nie komplett unabhängig sein kannst und wirst neue Sorgen und Ängste bekommen. Vielleicht hast du zu dem Zeitpunkt schon deine zweite Sinnkrise durchgemacht und weißt noch nicht so ganz, wie du dich in die Gesellschaft fügen sollst. Die Gesellschaft ist deutlich abwechslungsreicher als eine Schulklasse.
Du kannst dich womöglich nicht mit dem gesellschaftlichen Bild der Frauen identifizieren und versuchst dann mit aller Kraft alternativ zu sein. Erst später wird dir bewusst werden, dass es eigentlich das personifizierte Alternativ-sein nicht gibt. Trends werden auch an dir nicht vorbei gehen. Du wirst vielleicht vegetarische oder gar vegane Phasen durchleben, Drogen ausprobieren, Männer oder auch Frauen anprobieren, deine Talente erproben.
Es werden Tage kommen, an denen du todtraurig bist und dich einfach nur glücklich wünschst. Irgendwann wirst du dein Leid in die Nacht herausschreien und keinen Ausweg sehen. Und merken, dass die Zeit vergeht. Ehe du dich versiehst, wird dein Studium vorbei sein und eine andere Stadt dein neues Zuhause sein. Du wirst einen Beruf finden und nach deiner Berufung fragen.
Du wirst auf dein Studium zurückblicken und den Sinn hinterfragen. Vielleicht wirst du jetzt schon verpasste Möglichkeiten sehen oder ungeahnte Talente entdecken. Deine Eltern werden wieder halbwegs akzeptabel für dich sein und manchmal sogar zu deinen Saufkumpanen zählen. Du wirst deine eigne Meinung zum Leben haben und glauben, zu wissen, wie alles funktioniert. Du wirst Anderen erklären können, was Liebe ist und die Große, von der alle Welt redet, vielleicht schon gefunden haben. Irgendwann setzt dann auch du ein Baby in die Welt und übernimmst einige erzieherische Dinge, die deine Eltern dir angetan haben. Weil das halt so ist und so gemacht wird. Vielleicht heiratest du dann sogar einen liebenswerten Menschen und behältst ihn. Und schwups, wirst du die 30er Marke geknackt haben und wieder wirst du dich fragen, wie du glücklich sein kannst.
Dein Leben wird immer weiter rasen und statt dich auf den Moment zu konzentrieren, wirst du immer öfter in der Vergangenheit leben. Die Vergangenheit hat etwas Magisches an sich und zeigt dir dann wieder die verpassten Gelegenheiten, die Chancen, die du ungenutzt an dir vorbeiziehen lassen hast. Du wirst an deiner Fähigkeit als Mutter zweifeln und deine Zweifel werden sich in vielen Bereichen des Lebens ausdehnen.
Du wirst aber auch immer öfter in der Zukunft leben.
Du wirst dir vornehmen, Dieses und Jenes zu ändern, zu verbessern oder gänzlich sein zu lassen. Und dich wieder fragen, wie du komplett glücklich sein kannst. Erst viel, viel später, eine ganze, ganze Weile später, wenn du schon länger nicht mehr arbeitest und deine Kinder  selbst Kinder haben, wenn deine Haut runzelig und dein Körper verbraucht ist, wirst du vermutlich feststellen, dass du immer viel glücklicher warst, als du geglaubt hast. Und wieder wirst du über viele deiner Sorgen, die dich vielleicht jahrelang gequält haben, den Kopf schütteln. Doch selbst dann wirst du nie wirklich wissen, wie alles funktioniert. Aber du wirst dann hoffentlich weise genug sein, um wenigstens das zu wissen.
Du wirst sagen können, dass du weißt, dass du nichts weißt. Ich hoffe, dass du schon früher weise wirst und rechtzeitig und lang genug in der Gegenwart lebst. Ich hoffe, dass du die Zeit nicht verfluchst und nicht nur auf das Entgangene schaust, sondern auch das Geschaffte und Erreichte siehst. Ich hoffe, dass du irgendwann friedlich einschläfst und vielleicht vorher noch die Gelegenheit hast, deinen Enkeln die dir so vertrauten Lügenmärchen aufzutischen. Dass du deine Enkel vor den Gemeinheiten des Lebens warnst und dann lächeln kannst, weil du weißt, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen werden. Und ich hoffe, dass du dann endlich, nach dem ganzen Mist trotz allem sagen kannst „Es hat sich wirklich gelohnt, am Leben zu sein.“
So ungefähr würde ich, wenn ich wüsste, dass da ein Braten in meiner Röhre ist, ihn auf uns vorbereiten.

4 Kommentare:

  1. Was für ein wunderbarer Text. Ich weiß nicht, ob das an meiner momentanen Situation liegt oder daran, dass du mir hiermit so wunderbar aus der Seele gesprochen hast, wahrscheinlich an beidem, aber ich habe Tränen in den Augen. Vielen Dank fürs Teilen!

    Ich kannte deinen Blog zwar vorher schon, hab ihn mir aber nie so richtig angeschaut. Warum eigentlich? Du schreibst so toll! Und dein Blog ist so schön erfrischend, mal was anderes :) Hast mich als Leserin hinzugewonnen.

    Und dass du quasi aus meiner Nähe kommst, find ich ja sehr schön :) Wenn du Poetry-Slam-technisch mal in Thüringen unterwegs sein solltest, sag mir unbedingt Bescheid!

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    1. Oh vielen, vielen Dank für diesen süßen Kommentar. Ich freue mich wirklich sehr, dass dir mein Blog zusagt! :)

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